Die folgende Arbeit des am 1.2.2004 verstorbenen Astrologen Heinrich Bessler (den Freunden von astrologix möglicherweise durch seine Studie Das magische Weltbild der Astrologie bekannt) erschien in den Astrologischen Monatsheften 5-6/1961. Obwohl mittlerweile über 40 Jahre alt, hat sie nicht viel von ihrer Aktualität eingebüßt. Die klare Analyse der aktuellen Zeitqualität hebt diese Arbeit weit über andere Plutostudien hinaus, selbst das zitierte erste Plutobuch von Fritz Brunhübner.[RP]

Der böse Pluto

Ein Beitrag zur astrologischen Deutung der äußeren Planeten

Von H e i n r i c h   B e s s l e r.

Inhalt

Einleitung
Die Übeltäter
Objektive Deutung der neuen Planeten
Pluto, der König der Unterwelt
Zeitherrscher Pluto
Abbau und Minderung
Rückgriff auf die Grundlagen
Das kommende Weltalter
Pluto an der Weltenwende

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Einleitung

Der Planet Pluto steht in keinem guten Ruf bei den Astrologen. Fritz Brunhübner, der in Astrologenkreisen wegen seiner einschlägigen Veröffentlichungen als der Adoptivvater Plutos (und Großvater der Atombomben) gilt, entwarf auf der Tagung des Deutschen Astrologen-Verbandes im April 1961 in Frankfurt ein nicht gerade ansprechendes Bild von seinem Schützling. Pluto habe eine unmittelbare Beziehung zu der Ausbreitung höchst bedenklicher Zeiterscheinungen, der schon oft beklagten Vermassung, der Technisierung des Lebens, der Verflachung, dem Abbau alles Individuellen, dem Machtzuwachs gewalttätiger Ideologien, den Diktaturen überhaupt, der blinden Gewalt bis schließlich zur Atombombe.

Dr. Walter A. Koch kommt von psychologischer Sicht aus (in "Innenmensch und Außenmensch", S. 22) zu ähnlichen Schlüssen: "Im Menschen ist es die Gewalt des Unbewußten, das Geheimnis des Getrieben-Werdens, die Dämonie des Instinkts, die alle rationalen Überlegungen des Oberbewußtseins hinwegfegt. Pluto unterwirft den Menschen den Passionen - im doppelten Sinn von affektiven Leidenschaften und vom passiven Leiden-Müssen. In der Umwelt bedeutet er die, Macht der Masse, die höhere Gewalt, das Eingespannt-Sein in unentrinnbaren Zwang. In der Totalität des Unvermeidlichen preßt er die Menschen in ein Massenschicksal. So verkörpert er den Zwang der Umwelt, die keine eigene Aktivität oder Individualität duldet und den Menschen zum Schweigen verurteilt."

Diese Formulierungen dürften im wesentlichen das Bild umreißen, das man sich heute von diesem Planeten macht.

Schon vor Jahren (in "Die Astrologie", Dezember 1935, S. 267) schrieb der Verfasser über Pluto: "Was wird uns nun Pluto bringen? Wir wollen uns am besten der etwas groben Sinndeutung enthalten, die das Finanzwesen besonders zu ihm in Beziehung setzt. Der Analogie nach ist Pluto dem Mars verwandt, mit saturninem Unterton. Übertragen auf heutige Verhältnisse dürfte der totale Staat und seine Wehr - im Kriegsfall die Einsetzung des Gesamtvolkes - seiner Natur entsprechen. Gewiß eher Fliegerbomben als Goldsäcke. Es ist auch nicht von der Hand zu weisen, daß der (erste) Weltkrieg schon unter dem Schatten Plutos stand."

Im Gespräch machte der erfahrene Astrologe Studienrat Emil Saenger dazu einige Bemerkungen, die er bei anderer Gelegenheit in ähnlicher Form auch in seinen Aufsätzen wiederholte. Er sagte, daß es in der Astrologie eigentlich immer ungemütlicher würde. Saturn und Mars hätten doch wohl genügt, um uns das Leben schwer zu machen. Seither wären noch drei 'Übeltäter', Uranus , Neptun und Pluto, dazugekommen, und man müsse förmlich Angst haben, daß noch weitere Planeten entdeckt würden. Saenger vertrat den Standpunkt, daß der Gebrauch des Wortes 'Übeltäter' für Planeten nicht nur eine schlechte Formulierung, sondern auch sachlich falsch sei. Nichts sei 'übeltäterisch', was die ihm angemessenen Grenzen einhielte, und selbst das Wohltätige wäre von Schaden bei übergroßer Expansion.


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"Die Übeltäter"

Saenger hatte damit fraglos recht. Mars ist nicht nur die Gewalt, die wir fürchten, wenn er ein Übergewicht erlangt, sondern auch Analyse, Sonderung, Auslese. Ohne ihn gäbe es zwar kein Gegensatzproblem aber auch keine Polarität, vor allem nicht die affektiv gesteuerte zwischen Menschen, keinen Haß im naiven Sinne, aber auch keine Liebe. Ein Leben ohne Spannung, denn auf andere Planeten übertragen wäre die Gegensatzbeziehung Ich - Du nicht mehr dasselbe wie zuvor. Ihr fehlte die Unmittelbarkeit, und das Leben wäre kaum mehr lebenswert.

Mit Saturn ist es nicht anders. Wenn er ein Symbol dafür ist, daß wir in Raum und Zeit gestellt sind, daß alles Entstandene altert und sich wandeln muß, daß die Welt voller Mühsal ist, so ist das doch gerade unsere Welt, die wir bejahen müssen, weil sie voll und ganz der Ausdruck dessen ist, was wir sind. Ohne die Welt Saturns wären wir auch nicht.

Hinter dem Symbol des strengen Saturn verbirgt sich noch ein Rätsel: Das Goldene Zeitalter, dem der Planetengott einst vorstand. Dieses Goldene Zeitalter, das der Mythe nach von der Zeit der Heroen abgelöst wurde, ist das Bild des Glücks, das dem Menschen zufällt, wenn er aus der Gegensatzspannung heraustritt, das Bild einer Welt der Fülle, des Friedens und der Weisheit. Ernst Jünger verlegt (in "An der Zeitmauer") die Realisierung einer solchen Welt in das späte Paläolithikum, die ausgehende Alt-Steinzeit, in der der Mensch in magischer Bindung an die Natur noch ungesondert von ihr lebte, in einer harten, aber reichen und friedlichen Welt.

Die Übeltäter sind also nur dann wahrhaft übeltäterisch, wenn sie dem Gesamten nicht integriert werden, wenn sie nicht den ihnen gemäßen Platz gefunden haben, wenn sie keiner höheren Ordnung unterstellt werden.

Was nun die neuen als Übeltäter verschrieenen Planeten angeht, so gibt es drei Methoden, um über ihre Qualitäten Aussagen zu machen. Man beachtet erstens die Konstellation zur Zeit ihrer Entdeckung und etwa im gleichen Zeitraum auftretende Ereignisse, um daraus Rückschlüsse zu ziehen. Man untersucht dann die mit ihrem Namen verbundenen mythologischen Inhalte, und schließlich setzt man ihre Positionen in ältere Horoskope ein und glaubt, dabei manche Mängel früherer Deutungsversuche zu beheben.

Die ersten beiden, Methoden scheinen dem mit astrologischen Vorstellungen wenig Vertrauten ziemlich absurd zu sein, die letzte Methode hingegen recht plausibel. Das Gegenteil dürfte der Wahrheit näher kommen. Das erste Verfahren wird ganz unumstritten beim Jahreshoroskop, dem Solar, angewandt. Die aktuellen Konstellationen am Geburtstag sind gleicherweise ein Sinnbild für die Ereignisse des Tages wie für den Gang der Dinge im folgenden Lebensjahr. Der Rückgriff auf die Mythologie des Planetennamens hat der Astrologie schon oft den Vorwurf des Namensfetischismus eingetragen. "Wenn Pluto Morpheus hieße", sagte Prof. Meurers in seinem bekannten Vortrag vor dem Studium Universale in Bonn. Ein Spötter meinte dazu, es sei wie mit der römischen Kirche, die eine Inkarnation des Heiligen Geistes sei. Der Papst könne in Entscheidungen "ex cathedra" gar nicht irren, da der Heilige Geist ihn leite. Die Astrologie habe zwar ihre Dogmen, aber keinen Geist.

Das ist wahr. Doch ist es sicher, daß die Astrologie wie übrigens jede Entwicklung im menschlichen Bereich viel stärker von der Intuition, jener hintergründigen und unsichtbaren Funktion abhängt, als wir es vermeinen. Jeder noch so rationalistische Wissenschaftler ist sich der Bedeutung einer Planetenentdeckung bewußt und läßt bei der Namensgebung Gefühlsmomente mitsprechen, hinter denen in Wahrheit Intuition steht. Eine falsche Namensgebung scheint sich auch nie auf Dauer durchzusetzen. Das beste Beispiel bietet Uranus. Der Name "Herschel" nach seinem Entdecker bürgerte sich nicht ein, umgekehrt setzte sich das in Deutschland propagierte Planetenzeichen nicht durch, sondern das englische das eigentlich "Planet des Herschel" bedeutet. Das Kreuz mit dem Kreis in der Mitte = "Erdbezogenheit und Geistigkeit" erscheint auch in den anderen Planetensymbolen, und die äußeren Balken des H, oft nach außen gebogen also halbmondförmig, versinnbildlichen das Zwiespältige und Auseinanderstrebende der Uranus-Qualitäten, Die Intuition war also stärker als die bewußte Absicht.

Gegen die dritte Methode, neuentdeckte Planeten zu deuten, indem man deren Positionen für historische Horoskope berechnet, müssen hingegen größere Bedenken angemeldet werden. Wir dürfen nicht vergessen, daß die Planeten Sinnbilder des innerseelischen Geschehens sind. Die Entdeckung eines neuen Planeten ist stets ein Symbol für etwas Neues, das sich anmeldet, das ins Bewußtsein tritt und das Bild der Welt neu formt. Menschen früherer Jahrhunderte hatten diese Bewußtseinsumstellung noch nicht vollzogen. Nachträglich neuentdeckte Planeten in ihren Horoskopen haben, da die Resonanz fehlt, gar keine oder eine andere Bedeutung als in zeitgenössischen Horoskopen. Allerdings, wenn wir Horoskope wie das Goethes betrachten mit Pluto in I Quadrat Sonne und mit starken Neptun- und Uranusaspekten, scheint es dem zu widersprechen. Nun sind Genies ihrer Zeit um Jahrhunderte voraus und erleben Zusammenhänge, die der Allgemeinheit erst nach Generationen faßbar werden. (Siehe auch den genannten Aufsatz in "Die Astrologie") . Was wir heute über die neuen Planeten und besonders über Pluto, aussagen können, ist in jedem Fall nur bedingt richtig.


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Objektive Deutung der neuen Planeten

Entdeckung des Uranus
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Uranus wurde am 13. März 1781 entdeckt, Es war die Zeit der Französischen Revolution. Man bringt ihn daher mit Umsturz und Revolten in Zusammenhang auch mit Zerstörungen, Unfällen, Operationen, mit der Technik und Elektrizität, die zur Zeit seiner Entdeckung, ihren Siegeslauf begann, und schließlich mit Konflikten, sexuellen Anomalien usw.

Schleppen wir aber bei der Beurteilung dieses Planeten nicht die Klischees einer vergangenen Zeit mit uns herum? Für den biederen deutschen Bürger war die Französische Revolution der Inbegriff der Schreckensherrschaft, der Gewalt, der Zerstörung überkommener Werte. Aus geschichtlicher Perspektive gesehen müssen wir jedoch sagen, daß diese Revolution weniger Opfer kostete als alle späteren Kriege. Ihre hysterischen Manifestationen hatten ihren Grund in der verzögerten Auslösung einer Entwicklung, die sich schon Generationen zuvor anbahnte und brutal unterdrückt wurde. Die Tatsache, daß sich der dritte Stand den privilegierten Ständen, Adel und Klerus, gegenüber durchsetzte, ist weniger bedeutsam als die Schaffung eines neuen Menschenbildes. Denn hinter Egalité, Liberté und Fraternité verbirgt sich die Erkenntnis, daß der Mensch nicht nur in seiner Beziehung zur Gesellschaft einen Wert darstellt, sondern gerade unabhängig von dieser, und daß seine Rechte, seine Integrität unantastbar sein sollten, frei von allen äußeren Maßstäben. Im Geistigen bricht sich die Erkenntnis Bahn, daß nicht Tradition, Dogmen und vorgefaßte Meinungen sinngebend sind, sondern Erlebnis, Erfahrung, Experiment. Die Reihe ließe sich fortsetzen. Sie zeigt, daß eine Bewußtseinsstufe erreicht wurde, die wir uranisch nennen können und ohne die unsere heutige Welt nicht mehr vorstellbar ist. Nur wo das uranische Element gehemmt ist, wird es verderblich, so beim Unfall, der doch nur anzeigt, daß die Technik noch nicht perfektioniert ist oder der Mensch ihr nicht gewachsen war. Selbst die berüchtigten uranusbetonten psychischen und sexuellen Anomalien sind ein Symptom dafür, daß der Mensch flexibler, an gepaßter werden muß, um dem, Einbruch einer neuen Welt zu begegnen. So unerfreulich die Häufung hormonaler Fehlsteuerungen ist beweist sie doch nur die Aufgabe alter Fixierungen und Tabus.

Neptunentdeckung durch Galle
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Mit dem Planeten Neptun ist es nicht anders. Er wurde 1845/46 berechnet und beobachtet. Er ist, so sagt man, der Planet der Täuschung und des Scheins, der Süchtigkeit und der Gifte, der Auflösung und Nivellierung. Zwei zur Zeit seiner Entdeckung entstandene Bewegungen schreibt man ihm zu, den Marxismus und den Spiritismus. Dabei hat er mit dem Marxismus nur insofern zu tun, als er jede hierarchische Ordnung abwertet, während die "immerwährende Revolution" uranischen Charakter hat und die Doktrin des dialektischen Materialismus saturnin ist. Nur die Gefühlskomponente, das Mitleidmotiv, die Wendung zu den Unterdrückten und Erniedrigten sind neptunbeeinflußt. Neptunisch ist aber auch das Zeitalter der Chemie, die Tiefenpsychologie und die herrschende Relativierung unseres heutigen Weltbildes. Wenn aus Naturgesetzen statistische Wahrscheinlichkeiten geworden sind, und wenn unsere Zeit wie keine zweite Verständnis für Kunst und Kultur fernster und ältester Epochen zeigt, ist das ein neptunisches Element. Für Goethe waren die großen gotischen Dome ein gerade wiederentdecktes Gebiet. Uns sind Primitivkulturen aller Art, aber auch ihre religiösen und kultischen Hintergründe gleichermaßen vertraut. Wenn Uranus-Venus-Aspekte, um nur ein Beispiel zu nennen, symptomatisch sind für hohe künstlerische, vor allem musikalische Qualitäten, so ist das neptunische Element untrennbar mit unserer Welt verknüpft, die in Wahrheit eine Welt zwischen den Zeiten ist.


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Pluto, der König der Unterwelt

Pluto gilt in der griechischen Mythologie als ein Sohn des Kronos (Saturn) und der Rhea. Er ist ein Bruder Jupiters. Die Mythen berichten nicht viel über ihn. In Ägypten verschmolz seine Gestalt mit Osiris-Apis zu Jupiter-Serapis, dem Herrscher des Totenreiches, oft auch bezeichnet als die "unterirdische" Sonne. Man nannte ihn "Zeus Katachthonios", den unterirdischen Zeus. Er ist König der Unterwelt, des Orkus, und gemeinsam mit seiner Persephone (Proserpina) Tochter der Demeter (Ceres), der Richter der Toten. Pluto hatte die blumenpflückende Proserpina geraubt und in die Unterwelt verschleppt. Demeter suche die Tochter neun Tage lang, und schließlich entdeckte ihr Helios, der Sonnengott, dem nichts verborgen bleibt, wo Proserpina sich befand. Die zürnende Demeter, die drohte, der Erde die Fruchtbarkeit zu nehmen, erwirkte schließlich bei Jupiter, der der Vater der Proserpina war, daß Hermes die Tochter zurückholen könne, nur unter der Bedingung, daß Proserpina in der Unterwelt keine Nahrung zu sich genommen habe. Sie hatte jedoch von einem Granatapfel genascht, und Jupiter mußte vermittelnd eingreifen. Demeter, die bei der Gelegenheit die Eleusinischen Mysterien stiftete, wurde versöhnt und willigte ein, sich in Zukunft mit Pluto in Proserpina zu teilen.

Im Kampf Jupiters und der neuer Götter mit den Titanen kämpfte Pluto auf Seiten Jupiters. Von den Kyklopen erhielt er zum Dank für ihre Befreiung aus den Banden, in die sie Kronos geworfen hatte, einen Helm, der seinen Träger unsichtbar machte. Das sind die Hauptmotive der Mythologie der Gottheit Pluto. Es ist nicht viel, aber bedeutsam genug.

Was nun den Herrschaftsbereich Plutos, die Unterwelt angeht, so scheinen sich dabei Vorstellungen verschiedener Herkunft oder unterschiedlicher Seelenschichten zu überlagern. Die Idee eines Totenreiches (Erebos), das von Flüssen durchzogen wird (Acheron bei den Griechen, mit der Seufzern der Sterbenden, der schwarze Kocytus mit dem Geheul der Totenklage, der brennende Pyriphlegethon, der dunkle Styx und der Vergessen bringende Lethe), ist Gemeingut der Mythen vieler Völker, wie auch der Fährmann (Charon) und der Seelengeleiter (Hermes Psychopompos) archetypische Gestalten sind. Das Totenreich gliedert sich in verschiedene Bereiche, in die die Seelen der Toten nach ihren Taten im Leben vom Totenrichter verwiesen werden. Von den Gefilden der Seligen (Elysium) bis zum Ort der Verdammten (Tartarus) finden wir Totenreiche verschiedenster Stufen, in denen die Toten wie in der Welt in einer verwandelten aber doch erkennbaren Bewußtheit leben. Man geht wohl nicht fehl, diese Vorstellungen als populären Niederschlag der Mysterienkulte anzusehen, deren eigentliches Ziel ja darin bestand, dem Eingeweihten einen Einblick in das Wesen der Welt und den Weg des Menschen im Leben und nach dem Tode zu vermitteln.

Älter, und bei Homer noch vorherrschend, ist die Vorstellung von den Toten als Schatten, die unbewußt, Automatismen ähnlich dahintreiben, Relikte des Erdendaseins ohne Umweltkontakt, und ewig um eine Idee oder ein Erlebnis, meist eine Schuld ihres früheren Lebens kreisend.

"Wo Tote, nichtig und sinnlos (d.h.ohne Bewußtsein) wohnen, die Schatten gestorbener Menschen". (Odyssee, 11. Gesang, 476)
Sie entsprechen also dem Begriff "Gespenster" im nordgermanischen Volksglauben. Odysseus wird an der Pforte des Orkus sogar von seiner Mutter erst erkannt, als sie Opferblut getrunken hat. Die Schatten gewinnen also nur dann eine gewisse Bewußtheit, wenn sie Blut - entliehenes Leben - zu sich genommen haben. Ebenfalls im 11. Gesang der Odysssee (600) finden sich Verse die sehr bezeichnend sind:
"Und nach diesen erblickt ich die hohe Kraft Herakles',
Seine Gestalt; denn er selber fei'rt mit den ewigen Göttern
Himmlische Wonnegelag' und umarmt die blühende Hebe."
Während also Herakles (hinter dessen Gestalt sich ein Astralmythos verbirgt) nach dem Tode in den Olymp erhoben und vergöttlicht wurde, treibt sein "Schatten" ziel- und sinnlos durch die Unterwelt.

Die Toten im Reiche des Pluto, und das gehört zu dessen Charakteristik, werden also nicht als Wesen, und schon gar nicht als bewußte angesehen, sondern als leere Formen, als Hüllen, die noch eine gewisse periphere Beziehung zu ihrer Vergangenheit (im Leben) haben, aber nichts mehr aussagen über Schicksal und Wandlung der Seele nach dem Tode.


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Zeitherrscher Pluto

Abbau und Minderung


Wir können feststellen, daß wesentliche Züge der Pluto-Mythe in der astrologischen Deutung des Planeten Pluto ihren Niederschlag gefunden haben. Da wir uns, Menschen eines Zeitalters der uneingestandenen Lebensangst, jedoch daran gewöhnt haben, alles, was uns unangenehm ist, einfach zu verdrängen, als wenn es damit aus der Welt geschafft würde, so ist heute der gesamte Komplex "Tod" von so starken Tabus überdeckt, daß wir die sinnvolle und für uns so wichtige Funktion des achten Horoskophauses, des als böse verrufenen Zeichens Skorpion und schließlich auch die Rolle Plutos, die keinesfalls nur lebensfeindlich ist, nur zu leicht übersehen. Gewiß bedeutet Pluto erstmal Reduzierung, Beschränkung auf ein paar Grundtatsachen. Der Existenzialismus, dessen machtvolle Durchsetzung in die Zeit der Entdeckung Plutos fällt, bezeugt das eindeutig. Ein Beispiel aus der Literatur mag dem mit der Materie weniger Vertrauten verdeutlichen, was gemeint ist.

Albert Camus gab in seinem Roman "Die Pest" ein anschauliches Bild einer existenzialistisch gesehenen Welt. In einer Stadt - Oran in Algerien wird genannt - bricht die Pest aus und dezimiert die Bevölkerung, die bis zum Ende der Seuche für viele Monate von der Außenwelt hermetisch abgeschlossen bleibt. In dieser Zeit einer erschütternden Katastrophe bricht allmählich nicht nur das soziale Gefüge zusammen, auch alle religiösen und ethischen Leitbilder versinken. Die große Masse läßt sich von dunkler Verzweiflung treiben oder betäubt sich mit Exzessen aller Art. Eine Gruppe von Menschen bleibt übrig, die sich nicht nur in Kampf der Seuche entgegenstellt, sondern sich auch innerlich dem Phänomen konfrontiert. Ein Arzt, der zudem seine todkranke Frau im Ausland weiß, kämpft mit aller Kraft und in unerbittlicher Pflichterfüllung gegen die Seuche. Er identifiziert sich so weitgehend mit seiner selbstgewählten Aufgabe, daß sich zu der Alternative, der Grundtatsache Menschsein oder absoluter Verzicht, reduziert. Da ist ein Mann, der in schweren religiösen Spannungen und Krisen lebte, und der nun in diesen harten Monaten als Helfer und Pfleger, schließlich selbst Opfer der Krankheit, den Weg geht, der ihm Wandlung und Lösung bringt. Ein anderer ist von dem Gedanken besessen, ein Kunstwerk, einen Roman von absoluter Gültigkeit zu schaffen. Er kommt zwar in jahrelanger Mühe nicht über ersten Satz hinaus, der er zehntausendfach variiert, um die endlich treffende Formulierung zu finden. Wir sehen die Liebe der Mutter, der reifen alten Frau, die sich dem Sohn, dem Arzt, zuwendet und, zu einer Liebe zum Menschen wird, und schließlich die Liebe eines jungen Mannes, der erst in wilder Verzweiflung versucht, der Gefangenschaft zu entfliehen, um die Frau, die er liebt, wiederzufinden. Gerade die Stärke und Unmittelbarkeit dieser Gefühlsbindung ermöglichen ihm aber, sich dem Schicksal zu stellen und die ihm zufallenden. Aufgaben zu bewältigen, bis das Ende der Absperrung ihm den Weg frei gibt.

Diese imaginäre Stadt ist nichts anderes als die Welt, in der wir leben, und der Roman zeigt auf, was von dieser Welt verbleibt, wenn wir den normalerweise aus dem Bewußtsein verdrängten Tod neben uns sitzen haben. Was bleibt übrig? Pflicht und Menschlichkeit, die sich zur amor fati, zur Bejahung des Schicksals steigern; und nach innen gerichtet Verwandlung, also der berühmte Individuationsprozeß der Magier und Mystiker, die schöpferisch-künstlerische Leistung um ihrer selbst willen (im Sinne Gottfried Benns) ohne Rücksicht auf das Ergebnis oder die Resonanz, und das reine, unmittelbare Gefühl, die Wendung zum andern Ich. Wenn der Existenzialismus, wie wir annehmen können, dem Bereich Plutos entstammt, so ist das, gemessen an unseren Ansprüchen an das Leben, sehr wenig, was uns noch bleibt. Dieses wenige jedoch durchdringt die Pforten der Unterwelt (oder des Unbewußten, wenn wir es psychologisch formulieren wollen) und besteht.

In der bildenden Kunst bietet sich die Situation einer Epoche viel deutlicher dar als auf anderen Gebieten. Die oft hochsensitiven und mit Intuition begabten Künstlerpersönlichkeiten haben ein feineres Organ f ür das, was um uns vorgeht , auch wenn es für den Durchschnittsverstand noch, unterschwellig ist.

Im Expressionismus, dessen Werke heute schon vielen zugänglich sind,erkennt man einen stark uranischen Einschlag (Steigerung der Spannung, nebeneinandergesetzte Farben, Sprengung der Form und. Komposition alten Stils), während der Surrealismus neptunische Züge trägt (spielerische Freude an der Dissoziation, Reiz beim Nebeneinandersetzen des Nichtzusammengehörigen, beim Zerfall und der Auflösung).

Die gegenstandslose Kunst, die in den meisten Ländern der westlichen Welt seit zwei, drei Jahrzehnten das Gros der Künstler in ihren Bann zieht, hat enge Beziehungen zum Planeten Pluto. Gegenstandslos, das heißt Verzicht auf jeden literarischen Inhalt, auf jede Fabel, jeden Effekt, ja selbst auf Rudimente unserer Dingwelt, wir sie im Surrealismus finden, und Beschränkung auf die künstlerischen Mittel in ihrer Unbedingtheit, auf Farben, Linien, Flächen usw., ohne diese zu Trägern eines es Gedankens oder irgedetwas Vorgestelltem zu machen. Eine Farbe in einem gegenstandslosen Bild hat also die gleiche, Funktion wie ein Ton in einem Musikwerk. Für den, der mit venus-, jupiter- oder merkurbetonten Vorstellungen an ein Kunstwerk herangeht, bedeutet Gegenstandslosigkeit eine gewaltige Minderung. Der mit dieser Kunstform Vertraute weiß aber, daß es viel schwerer ist, ein gutes gegenstandsloses Bild zu malen als ein gegenständliches, das durch seinen Inhalt, das Dargestellte, nur zu leicht seine künstlerischen Schwächen überdecken kann. Minderung, Verlust des Gegenständlichen, heißt Beschränkung auf das Zugrundeliegende, auf das, in dem noch alle Möglichkeiten beschlossen liegen.

Rückgriff auf die Grundlagen

Pluto ist in der Mythe ambivalent. Er ist nicht nur der König des Schattenreiches, sondern hat auch sehr enge Beziehungen zu den alten Muttergottheiten (Demeter/Proserpina) und wird so zum Gott des Erdsegens. Das noch nicht ans Licht Getretene, im Schoße der Erde Ruhende (noch Unbewußte) ist ihm unterstellt, alles Unterirdische, der Metallreichtum der Erde und die in der Materie verborgenen Kräfte, (schließlich auch die Atomkraft) sind ihm zugehörig. Eine Wortähnlichkeit brachte ihn auch in Beziehung zum Reichtum. Plutos - im Gegensatz zu Pluto, griechisch Pluton - die Personifikation des Reichtums, ist ein Sohn des Jasion und der Demeter, ein Gott, der oft in Kindsgestalt im Arm der Eirene (der Friedensgöttin) dargestellt wird. Vielleicht ist diese Analogie gar nicht so abwegig, wie sie uns auf den ersten Blick erscheint.

Pluto hat ein doppeltes Gesicht. Alles Geschaffene muß dem Tod verfallen; das ist conditio sine qua non. Proserpina ist die Hälfte ihrer Zeit dem dunklen Reich verfallen (der Materiegebundenheit von Leben und Tod), da sie von dem Granatapfel aß. Dieser Granatapfel ist ein Archetyp, ein bekanntes Sexualsymbol. Der Wille zum Leben, zur Verwirklichung, wenn auch um den Preis von Tod und Vergänglichkeit, in unserer Welt des inneren Gegensatzes wird gleichzeitig verneint und bejaht. Pluto trägt den Helm der Kyklopen, einäugiger Riesen, also etwa halbbewußter Naturkräfte, die im Streit Jupiters mit den Titanen, den Söhnen des Himmels und der Erde, auf Seiten der neuen Weltordnung standen. Dieser Helm macht seinen unsichtbar. So ist Pluto nicht nur der Todesgott, sondern Sinnbild eines neuen - noch unbewußten - Anfangs mit allen seinen in ihm verborgen liegenden Möglichkeiten.

Das kommende Weltalter

Das neue Weltalter, an dessen Beginn wir stehen, ist, wie Dr. Walter Koch mit Recht bemerkt, ein heute so beliebtes Feld für alle möglicher Spekulationen, wobei auch noch Elemente, die den Dezennien des Pluto allein zugehören, also Zeiterscheinungen der letzten drei Jahrzehnte sind, diesem Wassermannzeitalter zugeschrieben werden und umgekehrt Es ist in übrigen unwichtig, ob man den - astronomisch-theoretischen - Anfang dieser Weltepoche wie Rudolf Steiner auf das Jahr der Entdeckung Amerikas, zurückverlegt, ob man nach Vehlow das Wassermannzeitalter mit der Französischen Revolution beginnen läßt oder, wie es viele tun, in unserem Jahrzehnt, während Dr. Koch seinen Eintritt auf das Jahr 2220 berechnet. Weltepochen von dieser Größenordnung sind, wenn sie existieren, weder auf Jahrzehnte noch auf ein paar Jahrhunderte genau festzulegen. Man sollte sie nur, wie es Dr. Koch übrigens auch vertritt, als weitgesteckte Symbole eines neuen Äons ansehen.

Wir befinden uns heute, ohne daß man astrologische Zeitalterspekulationen heranzuziehen brauchte, in einem Umbruch größten Ausmaßes, den man nur mit den Wendepunkten der Menschheitsgeschichte vergleichen könnte, wie sie durch die Beherrschung des Feuers oder durch die Abkehr vom Steinwerkzeug und die Zuwendung zur Verarbeitung von Metall einstmals hereinbrachen. Das Neue und in seinem Umfang noch kaum Absehbare, das auf uns zukommt, ließe sich, wenn auch nicht erschöpfend und soweit wir es heute vermögen, in drei Gruppen ordnen, wobei unser Thema, "Zeitherrscher Pluto", vielfach berührt werden wird. Das neue Zeitalter weist, soziologisch gesehen, einen Aspekt auf, auf den schon C. G. Jung, Ernst Jünger u.a. aufmerksam machten, und der der Welt ein neues Gesicht geben wird: Der Abbau der patriarchalischen Weltordnung. In den meisten Völkern der Erde hatte das männliche Element seit dem Beginn der Bronzezeit, dem Zeitalter der Heroen die Vorherrschaft, während die weibliche Komponente degradiert und verdrängt wurde. Es ist typisch für die männerrechtliche Welt, daß die Archetypen des Priesterkönigs oder des großen Weisen, also Vaterbilder, transzendiert wurden. So findet man in allen vaterrechtlichen Kulturen eine Hinwendung zum Monotheismus (Jahve, Allah, Gottvater) oder auf einer älteren Stufe eine Götterhierarchie mit einer Weltschöpfer- und Vatergottheit an der Spitze (Brahma, Zeus, Jupiter, Odin). Kaiser und Könige "von Gottes Gnaden" in unserer Zeit sind noch wie der Pater familias Rudimente dieser "heiligen" Ordnung. An dem Abbau der vaterrechtlichen Hierarchie sind Uranus, Neptun und Pluto beteiligt. Wir stehen heute in der letzten, plutonischen Phase.

Über die Emanzipierung der Frau, die auch erst im Beginn steht, braucht nicht viel gesagt zu werden. Zu, den beunruhigenden Erscheinungen gehört, wie eben erwähnt, daß das psychische Spannungsgefälle zwischen Mann und Weib geringer wird, was nicht nur soziologisch sondern auch biologisch weitgehende, Folgen haben wird (Häufung hormonaler Disfunktionen). Charakteristisch ist die Feststellung der Tiefenpsychologie, daß die Vaterimago im Schwinden begriffen ist und die Schwerpunktverlagerung in der katholischen. Kirche zu der Figur der Muttergottes hin, wie es die beiden letzten Muttergottesdogmen zeigen, beweist die intuitiv dem Zeitgeist gut angepaßte Einstellung der Kirche. Es mag auch noch erwähnt werden, daß die spiritistischen Kulte, die sich in Süd-, Mittel- und zum Teil schon Nordamerika so schnell ausbreiten - in Brasilien bilden sie schon die dritte Religion - Vodoo, Macumba u.ä. gewöhnlich die Verehrung einer Muttergottheit in den Vordergrund stellen, so Yemanha oder Dona Janaina, die Göttin des Meeres, die unmerklich mit der christlichen Madonna zu einer Figur verschmilzt.

Trotz dieser Anzeichen darf man jedoch keineswegs erwarten, daß die vaterrechtliche Ordnung von einer matriarchalischen abgelöst wird. Das Primat des zehnten Horoskophauses, Vaterarchetyp, Autorität, Machtanspruch des einzelnen, wird abgelöst durch die Funktionen des elften, dem Zeichen Wassermann analogen Hauses, von der Herrschaft der Gruppe, des Teams, des Kollektivs, der sich gleichermaßen aus Männern und Frauen zusammensetzenden zweckgerichteten Einheit.

Beispielhaft für diese Umstellung sind zwei Vorfälle der letzten Zeit, die Illiquidität zweier großer Firmen, Henschel und Borgward, in einer Zeit der Höchstkonjunktur. Eine Analyse ergab, daß in beiden Fällen die Ursache für das Versagen in der autokratischen Leitung der Firmen durch einen Unternehmer zu suchen ist. Das Großunternehmen von heute ist von umfassender Marktanalyse, von genauer Kenntnis der Käuferpsychologie und vielen anderen Faktoren derart abhängig, daß ein einzelner Mann, er kann genial sein wie er will, das Gesamte allein nicht mehr zu übersehen und zu lenken vermag.

Die Machtverlagerung auf die Gruppe hat übrigens nichts mit Pluto zu tun, wie Lenora Canwell meint (AFA-Bulletin, Sept. 1956 und Astrologische Monatshefte 9-10/1956). Pluto bestimmt nur den Abbau der alten Ordnung. Er bedeutet Sonderung, Vereinzelung, Leere und Kontaktarmut. Die Position des einzelnen im Massenschicksal, das Unvermögen, sich in eine Gruppe einzuordnen, und schließlich die Surrogatlösungen um den Kontaktmangel zu kompensieren, wie Massenvergnügungen, Radio, Fernsehen usw., wobei der einzelne doch immer allein und vereinsamt bleibt, entsprechen eher seiner Natur. Die Gruppe, das Kollektiv, ist dem Zeichen Wassermann zugehörig. Am Ende dieser Entwicklung von der Gruppe zu immer größeren Einheiten kann nur die Bildung eines Weltstaates stehen, Überwindung der Nationalitäten und ihrer Ideologien, Überbrückung der Gegensätze, eine Welt, die aus innerer Notwendigkeit heraus keinen Krieg mehr kennt und das mehrtausendjährige "heroische" Zeitalter abschließt.

Der zweite Aspekt des neuen Weltzeitalters ist heute schon so offenkundig, daß man ihn mit wenigen Worten abtun kann. Wenn vor Jahrzehntausenden das erste echte Werkzeug nichts anderes war als ein verlängerter Arm, so haben heute die materiellen Möglichkeiten des Menschen Dimensionen angenommen, die es wortwörtlich erlauben würden, die Welt aus den Angeln zu heben. Plutonisch wäre die Katastrophe, die hereinbrechen wird, wenn sich herausstellen sollte, daß diese einseitige technische Entwicklung des Menschen der geistigen und moralischen nicht angemessen ist, plutonisch vielleicht auch der Segen, der in dieser liegen kann, wenn die Menschheit den Schritt in eine neue Welt wagt.

Die Technik stellt uns noch vor andere Probleme. Man denke nur an die Konsequenzen, die sich ergäben, wenn Einsteins Theorien sich bewahrheiten sollten und es gelänge, Photonenraketen zu bauen, über die schon oft und ernsthaft diskutiert wurde. Eine bemannte Rakete, die von der Energie des Lichtstrahls angetrieben sich in schwerelosen Raum bewegte, ließe für ihre Insassen eine der unabdinglichsten Komponenten unseres Daseins, die Zeit, schrumpfen. Bei einer Beschleunigung bis zur achtzehnfachen Lichtgeschwindigkeit (Professor Dr. Eugen Sänger hält eine solche Geschwindigkeit einer Weltraumrakete für möglich) entspricht eine Sekunde an Bord einem Jahr auf der Erde. Wir können erstmal außer Acht lassen, ob und in welchem Umfange derartig phantastische Projekte verwirklicht werden können. Entscheidender ist, daß wir uns in einer Durchbruchssituation befinden und sich Bilder vor uns auftun, wie wir sie nur aus der Traumwelt kennen. Dur Schock, den, wir beim Eindringen in diese Welt erleiden, ist plutonisch, wie und ob wir uns zurechtfinden und neuorientieren können, liegt nicht mehr in der Sphäre dieses Planeten.

Ein anderer und nicht weniger unheimlicher Aspekt tut sich uns auf, wenn wir ar die jüngsten Erfolge der Kybernetik, der Wissenschaft von Elektronengehirnen denken. Abgesehen von der für menschliche Verhältnisse überdimensionalen Leistung dieser Apparate, wird dabei etwas klar, was auf anderen Wegen durch die Psychoanalyse schon lange vorher dargetan war, daß nämlich sehr viel von dem, was wir Persönlichkeit nennen (im Sinne der "Persona" C. G. Jungs), keineswegs so eindeutig individuell ist, wie es stets als ganz selbstverständlich angenommen wurde, sondern kollektiv im weitestem Umfang. Plutonisch bestimmt ist die Erkenntnis, daß die hohe Meinung, die wir von uns haben, wenig gerechtfertigt ist und gewaltig reduziert werden wird. Reichen doch allein unsere moralischen Kräfte allem Anschein noch nicht aus, um in der neuen Situation, in die wir gestellt sind, wirklich zu bestehen. Die ungeheuren die aus dieser Erkenntnis wie aus der Technik uns erwachsen können, liegen nicht mehr im Bereich Plutos.

Neben der sozilogischen und psychologischen Umgestaltung unserer Welt und neben der beargwöhnten Technokratie bietet sich uns noch ein dritter Aspekt der kommenden Zeit: ihre Universalität. Früher, in kosmopolitischen Epochen unserer Geschichte, etwa im in der römischen Kaiserzeit oder während der Renaissance, waren stets nur bestimmte Bereiche der Welt und ihrer Kulturen zugänglich. Heute ist die erfahrbare Welt einbezogen. Während noch vor knapp zwei Generationen der Abendländer glaubte, durch Kultur und Zivilisation und deren glanzvolle griechisch-römische Vergangenheit, vor allem aber um seiner angeblich höheren Sittlichkeit, der christlichen Ideale willen, über alle Völker gesetzt zu sein und von dieser Höhe herab festzustellen geruhte, daß die anderen kurioserweise doch auch Menschen seien, so kostet er heute die bittere Erkenntnis, weder einmalig noch besonders moralisch oder gar vorbildlich zu sein.

Unsere Welt rückt zusammen nicht nur was die räumliche Entfernung angeht. Jeder weiß heute, was damit gemeint ist. Ein Beispiel aus jüngster Zeit mag dies unterstreichen. Die negroiden Eingeborenen Australiens, moderne Stenzeitmenschen, wie die Fauna dieses spätendteckten Kontinents Relikte einer fernen Erdvergangenheit, galten, da sie angeblich auch noch das geringste Gehirngewicht unter den Rassen aufweisen - die Mongolen das größte, wir folgen in weitem Abstand - als museumsreife gerade-noch-Menschen.

Die Kinder dieser nackten Schlangenfresser (Schlangenfang ist ihre Lieblingsbeschäftigung) besuchen zum Teil heute moderne Schulen. Da zeigte es sich dann, daß diese in Auffassungsgabe, Konzentrationsvermögen und Phantasie die Kinder der weißen Einwanderer im Durchschnitt weit übertreffen. Man befaßte sich dann mit der Kultur dieser Neger und seltsame Kulte, noch seltsamere und dabei hochkomplizierte Sprachen und schließlich einen ungemein entwickelten Kunstsinn, der sich in zahllosen im Typ steinzeitlichen, aber heute entstandenen Höhlenbildern dartut, die, wie eine Ausstellung in München kürzlich bewies, den schönsten Felsbildern der altsteinzeitlichen Epochen von Aurignacien gleichzustellen sind. Noch erstaunlicher sind jedoch die Arbeiten einiger australischer Künstler, die westliche Kunstakademien besucht haben.


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Pluto an der Weltenwende

Aus der großen Zahl der Fakten, die den Anbruch einer Weltenwende evident machen, wurden drei herausgegriffen.

sind fraglos Strukturelemente einer kommenden, jetzt im Entstehen begriffenen Weltordnung.

Es besteht kein Zweifel, daß die drei letztentdeckten Planeten, Uranus, Neptun und Pluto an dieser Entwicklung beteiligt sind. Während uns aber die ersteren beiden heute schon so vertraut sind, daß sie uns nicht mehr bedrohlich erscheinen, pro jizieren wir auf Pluto, wie die einleitenden Worte dieses Auf satzes beweisen, alles denkbar Negative und Lebensfeindliche, was sicher falsch ist.

Wir sehen in Pluto erstmal eine ernste Bedrohung, eine unmittelbare Gefahr. Diese Gefahr ist auch objektiv vorhanden. Halten wir nur an dem mythologischen Bild Plutos fest, Pluto als dem König der Unterwelt, vor dessen Toren wir jetzt stehen. Inhalte, die eine jahrtausendealte menschliche Entwicklung gebannt, mit Tabus belegt und verdrängt hatte, treten zutage. Pluto öffnet Tore der unbewußten Welt und es ist kein Wunder, daß uns deren Manifestationen bedrohlich erscheinen. Im Unbekannten, dessen Gesetze uns noch fremd sind und das wie Lava bei einem Vulkanausbruch mit großer Intensität, aber noch ungeordnet und wenig differenziert hervorbricht, liegt eine Gefahr. Die, größte Gefährdung rufen wir jedoch selbst hervor, wenn wir in Unkenntnis oder durch Nichterkennenwollen der Zusammenhänge an das Neue mit den Klischees einer überholten Welt herangehen.

Der Krieg als Mittel zur Erreichung politischer Ziele zum Beispiel gehört in das Denkschema der vergangenen Zeit. In einer dualistischen Welt (Gott-Teufel, gut-böse, christlich- heidnisch, zivilisiert-barbarisch) wurde der Kampf - jeweils natürlich für die "gerechte Sache" als von einem höheren Ethos bestimmt angesehen. Das Klischee "gerechter Krieg" aber in eine Zeit weltweiter Verflechtungen und unabsehbarer technischer Machtmittel hineinzutragen, wäre verderblich. Die Atombombe ist also weniger ein Geschöpf plutonischer Willkür als im Gegenteil eine Verkennung der Gesetze eines neuen Zeitalters.

Wollten ferner religiöse Gemeinschaften in einer Epoche der Abwertung des Vaterbildes an dem Archetyp "Gottvater" festhalten, dürfte es ihnen schlecht bekommen. Die katholische Kirche fand einen Notausgang aus diesem Dilemma, wobei es nicht einmal nötig und der Kirche auch nicht möglich ist, alte Dogmen aufzuheben. Diese verschwinden nur etwas aus dem Blickpunkt, und zeitgerechtere treten stärker hervor. Der Protestantismus und ein in Europa vielleicht doch zu starrer Katholizismus werden aber in aussichtslosen Positionen gegenüber dem antipatriarchalischen Kommunismus stehen, der die Form einer wenn auch ganz diesseitig flachen Ersatzreligion angenommen hat. Das Wort Materialismus (von "mater", Mutter, Gegenpol zu "Gottvater" und Schöpfer) ist ein treffendes Symbol. Ein anderes Beispiel: In der liberalen Wirtschaftsordnung, wie sie noch heute im Westen praktiziert wird, regelt sich die Produktion durch das Wechselspiel von Angebot und Nachfrage durch den Markt. Eine elektronisch gesteuerte Industrie kann aber bei ihrer Riesenproduktion nicht mehr darauf warten, wie der Markt reagiert. Die kybernetischen Maschinen müssen schon vor dem Anlaufen der Produktion über alle Informationen (Marktlage, Rohstoffsituation und Störfaktoren, wie Produktion der Konkurrenz, Schwankungen der Käuferpsychologie, usw.) verfügen. Sonst wäre eine Wirtschaftskatastrophe die Folge.

Eine Gefahr läßt sich also nicht leugnen, vor allem aber die Gefahr, die aus einer Verkennung der Situation entsteht.

Wie ist es nun mit der Verflachung und Vermassung, die man der plutonischen Ära zuschreibt? Wir denken dabei gewöhnlich an die Überschwemmung des Publikums mit Standardartikeln durch die Konsumgüterindustrie, an deren gewaltigen Propagandaapparat und an der Ausbau der Kommunikationsmittel, Presse, Radio, Fernsehen, die die öffentliche Meinung formen. Für uns liegt, so glauben wir, eine Drohung, darin, daß an die Stelle des Individuums der "manipulierte" Mensch treten könnte. Gewiß, in der modernen Industriegesellschaft sind die meisten. Verbrauchsgüter standardisiert. Es wird auch niemandem einfallen, sich ein Auto oder einen Fernsehapparat selbst zu basteln. Aber ist vieles von der so hochgerühmten individuellen Note nicht so belanglos, als trüge man die Troddel der Mütze einmal rechts statt links? Nehmen wir doch nur die "gute alte Zeit", sagen wir vor 200 Jahren, als Kant und Lessing wirkten. Die Schicht der wirklich Gebildeten, an die wir heute allein denken, war hauchdünn. Das Gros der Leute setzte sich damals wie eh und je aus kleinen Bürgern und erbuntertänigen Bauern zusammen, die so dachten, fühlten und lebten wie es schon ihre Großväter taten, biedere Analphabeten, die sich im Wesen so wenig von denen unterscheiden, die heute Tag für Tag am Fernsehschirm hängen. Von den vergangenen Jahrhunderten sehen wir heute doch nur die weniger Goldkörner, die in unserer Hand geblieben sind, aber nicht die philiströse Plattheit der großer Masse. Es brauchte uns doch nicht zu beunruhigen, wenn wir die gleiche Zahnpasta wie unser Nachbar benützen und die gleiche Tanzmusik hören; jedenfalls doch viel weniger, als es den Menschen in fast zwei nachchristlichen Jahrtausenden hätte bedrücken müssen, daß seine allerindividuellsten und intimsten Funktionen, die Beziehung zum Religiösen, die Beziehung zur Welt und zum anderen Menschen durch die Kirche und kirchlich inspirierte Moral und Justiz in einer Weise standardisiert waren, daß jeder Durchbruch zu einer freieren und sinnvollen Entfaltung der Persönlichkeit Scheiterhaufen und erbittertste Verfolgung nach sich gezogen hätte. Heute kann ich, wenn ich will, Buddhist werden oder, wenn es mir Spaß macht, Geister beschwören, ja, ich kann sogar vielerorts unbekleidet baden gehen. Rührt der Slogan von der plutonischen Vermassung nicht nur daher, daß wir unsere viel größere Freiheit und Entwicklungsmöglichkeit noch gar nicht erfaßt haben? Sind es denn im Grunde nicht stereotype Bilder, Allerweltsklischees, die der neuen Zeit zum Opfer fallen? Stehen uns nicht alle Tore offen ?

Was bleibt übrig? Ich kann eine elektronische Maschine mit vollständigen Informationen über die Harmonielehre füttern und die bedeutendsten Symphonien als Leitmodell einbauen. Eine solche Maschine wird dann Symphonien in unendlichen Variationen produzieren. Der Gedanke ist erschreckend, wenn man übersieht, daß sämtliche Informationen, die diesen Vorgang bewerkstelligen, auf dem künstlerischen Erlebnis eines Menschen beruhen. Je relevanter die Leistung des Apparates wird, umso mehr weist sie auf den Menschen zurück.

Man könnte auch die gesamten Erfahrungen der Psychoanalyse einem Elektronengehirn einverleiben, und dieses würde Träume wie ein Analytiker oder besser als dieser psychologisch deuten, da es über ein nahezu unbegrenztes Gedächtnis und eine weit übermenschliche Kombinationsgabe verfügt.Aber keine Maschine kann mir vorschreiben, daß ich träume und was ich träume. Keine Technik nimmt mir meinen Weg ab zwischen Geburt und Tod. Am Ende steht immer der Mensch, der Mensch, der sich einer Aufgabe hingibt, der schöpferische Mensch und der liebende Mensch. Sollte nicht vielleicht der plutonische Wirbelwind in einer Zeit der Ängste, der Einseitigkeit und der infernalischen Drohung nur die Aufgabe haben, den Menschen von allen falschen Ideologien, von allem Wahn und aller Bedrängnis zurückzuführen zum Menschen selbst?


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