Die Astrologie

Das Bild Die Astrologie, gemalt im 17. Jahrhundert von Giovanni Francesco Barbieri ist die schönste mir bekannte allegorische Darstellung der Sterndeutekunst.

Versonnen betrachtet eine junge Frau einen Himmelsglobus (eine Armillarsphäre), den sie so behutsam in ihrer rechten Hand hält, dass er fast zu schweben scheint. Sie hält den Globus nicht erhöht, sondern ungefähr auf Höhe ihres Kopfes. Sie betet den Himmel nicht an - sie betrachtet ihn. Und das so intensiv, als hätte sie selbst mit ihrem Wesen Anteil an den Geheimnissen, die sich ihr ahnend erschließen - wie es um die Zeitenwende der Gelehrte Manilius in seinem astrologischen Lehrgedicht formulierte:

Quis coelum posset nisi coeli munere nosse,
Et reperire Deum, nisi qui pars ipse Deorum est?

Wer könnte ohne Anteil am Himmel den Himmel erkennen,
und wer Gott ergründen, wenn er nicht selbst ein Teil der Götter ist?

Ihr Blick ist fragend, suchend, einfühlsam, ahnend, zugleich auf den Globus wie auch lauschend nach innen gerichtet. Die linke Hand weist - wie ihr Blick - auf den Globus. Es ist eine Gebärde, die aus dem Herzen schöpft. Ihre Kontemplation ist eine Aktivität des Kopfes und des Herzens zugleich, ein Zustand offener, teilnehmender Aufmerksamkeit.

Dabei ist ihre Haltung würdevoll. Mit einem blauen Umhang über dem roten Kleid wird in der christlichen Kunst die Madonna dargestellt. Indem Barbieri diese Kleidung für die junge Frau wählt, stellt er das Wesen Astrologie in den Zusammenhang mit der Maria der christlichen Tradition. Aus demselben Grunde wurde wohl die sternenbestickte Mütze gewählt - siehe Offb. 12,1: "Und es erschien ein großes Zeichen am Himmel: Eine Frau ... auf ihrem Haupt eine Krone von zwölf Sternen." Der Künstler zeigt damit, daß er sich des kosmischen Aspekts der Maria bewußt ist. In Maria verehrt der Christ die Himmelskönigin - in dieser Gestalt ist sie, was vorchristliche Menschen ahnend als die Isis Sophia verehrten, die göttliche Weltenmutter.

In der menschlichen Kulturgeschichte taucht die Astrologie bereits sehr früh auf - und wurde zunächst als astrale Religion, als Sternenkult betrieben. Damit wurde man ihrem Wesen sicher nicht gerecht, denn die Astrologie ist keine Religion, sondern eine Zeichendeutekunst. Die Sterne sind keine zu verehrenden Wesenheiten, sondern lediglich Zeichenträger. Auch verheisst die Astrologie dem Menschen keine transzendente Erfüllungen. Der Gegenstandsbereich der Astrologie ist diese gesamte Welt, die menschlichen Einzel- und Gruppenschicksale, die Sterne, die vielfältigen Zusammenhänge zwischen diesen Seinsbereichen - aber nicht mehr. Aber auch wenn sie keine Religion ist, so hat die Haltung des religiösen Menschen doch Ähnlichkeiten mit der des Astrologen. Wer Astrologie treibt, geht mit etwas an sich Unbekanntem um. Er sieht den "farbigen Abglanz" eines Weltzusammenhangs, der ihm als solcher verschlossen bleibt. Er sieht nur den Regenbogen, nicht die Sonne, die diesen hervorruft (das Bild ist hier so gemeint wie in Goethes "Faust", II. Teil, Vers 4679-4727). Dieser "farbige Abglanz" wird erkannt durch das Denken in Analogien, das eben nur ganz immanente Gegenstände hat - die in allen Regenbogenfarben schillernde irdische Welt des Menschen. Aber inmitten dieser schillernden Welt ahnt der Astrologe von einem in ihr begriffenen, höheren Sinnzusammenhang.

Die weltliche, immanente Natur der Astrologie bedeutet aber nicht, dass man sie hemdsärmelig nach Art einer Ingenieurstechnik betreiben oder gar beherrschen kann. Wer keine Offenheit, aufmerksame Beobachtung, Intuition und Phantasie mitbringt, dem bleibt die Astrologie stumm. Die astrologischen Zusammenhänge lassen sich nicht aus einem Regelwerk ableiten, sondern bestenfalls mit viel Glück erahnen - wenn man genügend Einfühlung dafür mitbringt, wie der "Puls der Zeit" sich in konkreten Ereignissen manifestieren könnte. Wer sich in diesem ahnenden Einfühlen übt, für den ändert sich auch der Blick auf die Welt. Sie zeigt sich nicht mehr nur als Gefüge einzelner abgesonderter Einheiten, die sich nach kausalen Gesetzmässigkeiten in der Zeit entwickeln, sondern als ein gewirktes Kleid mit ungeahnten Querbezügen, Ausschmückungen und Mustern.

Es dürfte klar sein, dass diese Art Astrologie zu treiben himmelweit von der Astrologie der Beutelschneider und Trivialisierer entfernt ist. Aber dem Wesen dieser uranischen Kunst wird man sich nur auf die hier beschriebene Art nähern können.


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